Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Letzter Teil.

von Cedric Weidmann

Der schreibende Gorilla

Im Fernsehen lief die ganze Rückschau. Bilder von Stolzer, wie man ihn zu Verhören lud. Das Lächeln blitzte im gebräunten Gesicht. Reportagen über seinen steilen Aufstieg und seinen noch abrupteren Fall. Und auch jenes Fussballfeld wurde gefilmt, auf dem vor etwas mehr als zehn Jahren die Chemikerfussballmeisterschaft stattgefunden hatte. Einige frühere bekannte Forschungskollegen standen auf dem Rasen vor dem Göttinger Institut für Leibesertüchtigung (IfL) und erzählten von der Beflissenheit ihrer damaligen Gegner. Stolzer, Omga Auerbach und Schiefenthal seien angefressen gewesen, sie stählten ihre Muskeln an Sandsäcken und Maisbirnen und bereiteten sich professionell auf die Meisterschaft vor. Sie waren eben erfolgshungrig. Am Tag nach dem Finalspiel hatte Stolzer den grausamen Plan gefasst, seinem Kollegen die Forschungsarbeit zu stehlen. Damit er ihm keine Mühe machte, setzte er ihn in der Uni-Zeitung systematisch herab, injizierte ihm modifizierte Stammzellen und machte ihn zum Affen. Dann kopierte er dessen Arbeit und brachte sie unter seinem Namen raus. Schiefenthal, eigentlich eine neu Dazugestossene im Projekt, ahnte nur, was passiert war, und verliess sofort die Uni. Stolzers steiler Aufstieg begann zeitgleich mit Omgas leidiger Karriere als Silberrücken. Er wurde Politiker, der andere Affe. Nur manchmal trieb ihn das schlechte Gewissen in den Zoo, wo er Omga betrachtete und über die Vergangenheit nachdachte.

Der Kickboardverfolger wurde wegen Leichenschändung und Verschwiegenheit gebüsst. Ansonsten war ihm wenig anzulasten. Nachdem er sein Geld für den Auftrag im Leichenschauhaus nicht bekommen hatte, hatte er begonnen, dem Politiker aufzulauern. Es waren wohl schliesslich die Knausrigkeit des Politikers und die Armut des Chemikers gewesen, die Stolzers Plan vereitelt hatten.

Rico drehte sich auf seinem Bürosessel um die eigene Achse. Auf dem Bildschirm flackerten die Bilder aus dem Affenhaus. Er seufzte. Schon wieder kein Honorar. Von wem auch? Vom Staat? Natürlich nicht. Es war noch nicht einmal sicher, ob es im Fall der Uni Göttingen eine Strafverfolgung geben konnte, und der Fall Schiefenthal konnte noch nicht abgewickelt werden, solange Stolzer politische Immunität genoss. Von Omga? Omga war der mittellose, dumpfe Gorilla, der für immer im Käfig bleiben würde. Es gab keinen Grund, einen Affen in die Freiheit zu entlassen. Nein, in toto, kein Geld. Wiedermal nichts. Rico stand auf, griff nach dem Krempenhut und setzte sich in sein Auto. Er steuerte Greifenstrasse 42 an.