Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Tag: körperliche betrachtungen

Das kartesische Kind

Als ich sagte, dass ich Hunger habe, sagte meine Mutter: »Du hast keinen Hunger.«
Nun ist es doch so, dass ich noch ein kleines Kind bin und mich in derlei Dingen früher auch getäuscht habe und wahrscheinlich immer noch getäuscht werde. So hasse ich Mädchen und Mama sagt, eigentlich sei das Gegenteil der Fall, es werde sich schon noch zeigen. Auch habe ich einmal gemeint, ich müsste pinkeln und habe das ganze Auto zum Anhalten bewegt und als ich auf dem Klo der Raststätte sass, musste ich nicht mehr.
Dann ist es doch wiederum richtig, dass man sich gewisser Eigenheiten des Hungers nicht entledigen kann. Das eine Mal betrifft es das Vorkommen oder die Dringlichkeit des Hungers, die nie für immer wegbleibt, auch wenn ich beim Gamen ganze acht Stunden verbringen kann, ohne mehr als eine handvoll Chips. Das andere Mal betrifft es die Qualität des Hungers, die sich unterscheiden lässt.
Klar, Hunger auf Schokolade und Hunger, nachdem man sich auf dem Dachboden versteckt hat, sind zwei verschiedene Dinge und niemand brächte es fertig, die Lust, eine Schokolade zu verspeisen, mit der Lust, zwei Krümmel aufgeweichten Brotes zu verzehren, miteinander gleichzustellen. Nicht einmal Stiefvater Peter könnte es fertig bringen. Und doch liesse sich einbilden, dass mich Peter hierüber täuschen lässt und es nur verschleiert, indem er, während Schokolade ein scheussliches, widerwärtiges Produkt darstellt, jenes Gute des Brotes extrahiert hat und es in diese Schokolade gespritzt hat, um mich hierüber in Unklarheit zu belassen. Nehmen wir also an, es könnte das, was ich Hunger nenne, durch Peter gemacht und verändert worden sein, ohne dass ich es wüsste. Ich hätte nichts mehr, dessen ich mir im Hinblick auf mein eigenes Verlangen sicher sein kann.
Doch ich sehe, dass das Verspüren des Hungers grösser ist als die Qualität oder Quantität des Hungerns – es ist der Zustand des Verspürens von etwas, das fehlt, den ich unleugbar in mir trage, und es ist unbestreitbar, dass, sooft ich den Satz „Ich habe Hunger, ich habe Hunger“ für mich ausspreche, ich unweigerlich auch Hunger haben müsse.

»Doch, Mama«, sagte ich. »Ich habe echten Kohldampf.«

Wir schweben, steigen alle auf, vom Bahnperron weg, unsere Füsse zappeln über dem Asphalt, einer schlägt sich an der Werbetafel das Knie, andere scheuern sich die Köpfe an den Dächern wund, doch wir strampeln uns frei, steigen auf, schweben und schweben, dem Himmel immer näher, erreichen die Schichten des Nebels, die Dichte der Wolken, tauchen ein.
Viel später schaut manchmal einer zurück, lacht, als hätte er sich bei etwas ertappt, und sagt: „Ich dachte schon, ich hätte in den Gebäuden eine Wolke gesehen“, worauf ihm manche beipflichten, andere nur nachsichtig lächeln.

Die Mücke

So eine Mücke ist ja eigentlich ganz dumm. Ihr Gehirn ist kleiner fast nicht mehr denkbar. Ihr Verstand, der muss ja verschwindend gering sein. Aber das sagt man jetzt so ohne weiteres Nachdenken, dass das »verschwindend gering« sei. Wieso »verschwindend gering« und nicht etwa »verschwindend viel«? Als wäre Geringes näher bei Nichts als Vieles, dabei ist der Unterschied zwischen gar keinem Gehirn und einem kleinen Gehirn doch viel grösser als zwischen einem kleinen und einem grossen Gehirn.
Aber irgendetwas bringt die Mücke dazu vor meinem Auge zu schwirren, sich hin- und herzutreiben, auf mein Ohr zu sitzen, über meinen Nasenrücken zu krabbeln: Es wäre genug, wenn sie wüsste, dass ich mit meinem Auge sehen könnte und es deshalb tut. Aber sie scheint auch zu wissen, welche Geräusche, welche Berührungen, an welchen Orten ich Stiche am meisten hasse. So eine Mücke ist ja eigentlich völlig dumm, aber irgendwie, auf ihre Weise, auch ganz klug. Wenigstens irgendwie. Daran hat wohl nur eine verschwindend geringe Anzahl an Menschen gedacht.

Meditation des Stummen

Es ist schon schwer, überhaupt etwas zu sagen. Bei allem was recht ist, es ist ja doch nie recht. Kaum hat man mit dem Kapitälchen einen Satz eingeläutet, da spürt man auch schon sogartig wie der Zuhörer mit grosser Bestimmtheit ahnt, dass es ein Satz wird, ja, diese Ahnung schwillt schnell zu einer Vermutung an und es würde schliesslich alles ins Absurde treiben, wollte man, statt einen Satz zu seinem Ende zu führen, ihn einfach an einer Stelle.
Der Satz ist nicht zu Ende!, schriee man.
Das ist nicht einmal Satz!, hingegen ich, Und was kein Satz ist kann nirgends nicht zu Ende sein, weder an seinem Anfang noch an seinem Ende, es sei denn er wäre es, aber dann eben nicht als Satz.
Man könne es, diese Lösung schiebst du mir tröstend zu: Man könne es auch bei einem Satzfragment belassen. Ohne Verb. Oder bei einem Ausruf.
Aber wäre ich denn nicht auch schon genug gefordert, sperrte ich das Maul kurz auf, um ein verschwindend kleines Ach entweichen zu lassen, ein tiefkehlig geseufztes Ach!, wäre ich dann nicht unter den sich mir zudrehenden Köpfen und ihren neugierigen oder mitleidsvollen Blicken gefordert, auf das Ach! eine Apostrophe folgen zu lassen. Und liesse ich sie fehlen, würde man etwa glauben klönnen, ich hätte meine Klage zum Abschluss gebracht? Jeder denkt schon: Ach! — das ist der Laut von zwei sich zerreibenden Seelen in der Brust jenes Romantikers, hören wir zu, wie das noch herauskommt. Man würde meinen, ich hätte den Rest des Satzes, um mich beim Fluchen nicht zu versündigen, für mich behalten, oder ich hätte ihn elliptisch vorgezogen, oder ich wäre bereit, in einem weitgespannten Kohäsionsverhältnis auf den Adressaten meines Achs später noch zurückzukommen — aber man wäre in diesem oder jenen Fall sicher, dass das Ach! alleine nicht genug wäre. Dasselbe ist es doch mit allem anderen: Sagte man Hallo! so hiesse das, sich auf ein Gespräch einzulassen, schriee man: Geh weg! so würden alle erwarten, ich hätte den Anstand ihnen den Grund für diese Unhöflichkeit zu erklären. Ich kann ja kaum ein Ei apostrophieren, ohne ein Nathanael anzuhängen: Ei, Nathanael! Achsagen, im allgemeinen, ungerichtet und abgeschlossen, ist dasselbe, wie irgendetwas, das ein Satz werden will, an fremder Stelle enden zu lassen.
Dann, sagst du und seufzt dabei selbst, soll ich nicht Ach sagen, aber ein einzelner Laut sei doch nicht so schwer. Und etwas zu sagen bedeute nur, einzelne Laute aneinander zu reihen, deshalb sei auch dieses nicht schwer.
Aber sollte ich versuchen einen Laut hervorzubringen, würde ich die Tonhöhe nicht erreichen und aus meiner Gurgel dränge nur ein Krächzen, eine mangelhafte Schwingung meines Kehlkopfs, 100 Hertz zu niedrig, um gehört zu werden, und alles was bleibt, ist ein angestrengtes Atmen, das mir aus der Kehle dringt, denn jener erste Ton, den ich hervorbrächte, würde mich — falls mich nur jemand ganz leise hörte — von den Stummen zu den Plauderern erheben und Erwartungen schüren, die ich zu bedienen hätte. Ich müsste mit allen reden, sagen, weshalb ich so lange geschwiegen hätte, und weshalb ich jetzt doch noch spräche. Dabei ist es doch schon schwer genug. Schon schwer, überhaupt etwas zu sagen.

Am Ende meines Körpers ist mein Körper am Ende

An meiner Schulter habe ich einen Arm. Am Ende dieses Arms habe ich eine Hand und am Ende meiner Hand habe ich fünf Finger und am Ende dieser Finger habe ich Kuppen und am Ende dieser Kuppen habe ich Papillarleisten, die für meinen Fingerabdruck sorgen. Ich bin nicht enttäuscht, wenn dich das nicht überrascht. Vermutlich hast du das auch. Es sei denn du hast Lepra oder deine Hand bei einem Unfall verloren oder keine fünf Finger oder du leidest unter Adermatoglyphie, weshalb dir ein Fingerabdruck fehlt. Aber da das sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, hast du wahrscheinlich dasselbe wie ich, was an deiner Schulter so hängt.

Ich habe also Papillarleisten und am Ende dieser Papillarleisten habe ich eine dünne Hautoberfläche, die Epidermis, und am Ende der Epidermis bin ich übersät mit Schweissdrüsen und am Ende dieser Schweissdrüsen entweicht ununterbrochen ein wenig kaliumnitrathaltiges Wasser. Am Ende bin ich also Wasser, aber das Wasser ist so gering, dass es sofort verdunstet, wiewohl es noch gar nicht ganz aus mir ausgestossen ist, und deshalb habe ich am Ende meiner Schulter, über meinen Arm und meine Hand und die Finger und die Fingerkuppen, die Papillen und die Epidermis genaugenommen Gas an mir dran. Und da das alles ich bin, bin ich eigentlich ein bisschen Gas, das heisst — niemand kann sagen, dass ich das nicht mehr sei, denn ständig sind die Moleküle der Haut in Bewegungen — wie alle Moleküle in ständiger Bewegung sind. Und die Moleküle, die auf der Kante von mir tanzen, sind manchmal so nah bei mir, dass ich sagen könnte, sie gehörten zu mir, dann wieder sind sie den Luftmolekülen, die ich nicht zu mir zähle, so nah, dass ich sie nicht als mein eigen betrachten will und genaugenommen tragen sie ja nichts von mir, sondern nur die biologische Zusammensetzung aus organischen Verbindungen, die aus ein paar Elementen besteht, nicht etwas, was ich von deinen Molekülen mit Leichtigkeit unterscheiden könnte.

Andere Menschen stählen ihre Muskeln und gehen an die Grenze, um Körper und Geist in Einklang zu bringen — als sei der Geist diszipliniert, klar und einheitlich, und der Körper müsste erst so weit gebracht werden. Bei mir sind Geist und Körper in Einklang, nur sitzt mein Körper gern ein wenig abseits, wenn ich mit dem Geist Gassi gehe. Auf diese Weise geraten sie beide ein wenig ins rechte Diffundieren.