Am Ende meines Körpers ist mein Körper am Ende

von Cedric Weidmann

An meiner Schulter habe ich einen Arm. Am Ende dieses Arms habe ich eine Hand und am Ende meiner Hand habe ich fünf Finger und am Ende dieser Finger habe ich Kuppen und am Ende dieser Kuppen habe ich Papillarleisten, die für meinen Fingerabdruck sorgen. Ich bin nicht enttäuscht, wenn dich das nicht überrascht. Vermutlich hast du das auch. Es sei denn du hast Lepra oder deine Hand bei einem Unfall verloren oder keine fünf Finger oder du leidest unter Adermatoglyphie, weshalb dir ein Fingerabdruck fehlt. Aber da das sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, hast du wahrscheinlich dasselbe wie ich, was an deiner Schulter so hängt.

Ich habe also Papillarleisten und am Ende dieser Papillarleisten habe ich eine dünne Hautoberfläche, die Epidermis, und am Ende der Epidermis bin ich übersät mit Schweissdrüsen und am Ende dieser Schweissdrüsen entweicht ununterbrochen ein wenig kaliumnitrathaltiges Wasser. Am Ende bin ich also Wasser, aber das Wasser ist so gering, dass es sofort verdunstet, wiewohl es noch gar nicht ganz aus mir ausgestossen ist, und deshalb habe ich am Ende meiner Schulter, über meinen Arm und meine Hand und die Finger und die Fingerkuppen, die Papillen und die Epidermis genaugenommen Gas an mir dran. Und da das alles ich bin, bin ich eigentlich ein bisschen Gas, das heisst — niemand kann sagen, dass ich das nicht mehr sei, denn ständig sind die Moleküle der Haut in Bewegungen — wie alle Moleküle in ständiger Bewegung sind. Und die Moleküle, die auf der Kante von mir tanzen, sind manchmal so nah bei mir, dass ich sagen könnte, sie gehörten zu mir, dann wieder sind sie den Luftmolekülen, die ich nicht zu mir zähle, so nah, dass ich sie nicht als mein eigen betrachten will und genaugenommen tragen sie ja nichts von mir, sondern nur die biologische Zusammensetzung aus organischen Verbindungen, die aus ein paar Elementen besteht, nicht etwas, was ich von deinen Molekülen mit Leichtigkeit unterscheiden könnte.

Andere Menschen stählen ihre Muskeln und gehen an die Grenze, um Körper und Geist in Einklang zu bringen — als sei der Geist diszipliniert, klar und einheitlich, und der Körper müsste erst so weit gebracht werden. Bei mir sind Geist und Körper in Einklang, nur sitzt mein Körper gern ein wenig abseits, wenn ich mit dem Geist Gassi gehe. Auf diese Weise geraten sie beide ein wenig ins rechte Diffundieren.