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Monat: April, 2009

Kaufrausch der Gleichnisse

Er suchte nach Optimismus, fand aber nur Abneigung und Unruhe.
„Haben Sie nicht auch etwas für den ungewöhnlichen Geschmack?“, fragte er im Geschäft nach, „Ich will nicht das, was alle schon haben.“

„Ja, nur zu“, sagte der Verkäufer, „Sehen Sie sich um.“

Er durchstreifte die Regale und sah in den Terrarien, wie Hass gerade die Angst in den anderen Ecken ihres Käfigs drängte. Nichts sagte ihm besonders zu, auch wenn ihn die Neugierde erwartungsvoll hinter der Scheibe anstarrte und er sich beinahe dazu überwunden hätte, sie zu kaufen.
Plötzlich hörte er ein schrecklich keiffendes Geräusch, das aus einem hinteren Gang kam, der im Dunkeln lag und den er beim ersten Ablaufen gar nicht bemerkt hatte.

Interessiert folgte er dem Geräusch und fand ein Käfig in einer sehr dunklen Ecke, als wäre es versteckt. Der Käfig war mit einem dicken Tuch zugedeckt und er konnte nicht sehen, was es war.

Als er es hochheben wollte, sprang der Verkäufer plötzlich vor ihn und deckte den Käfig ab.

„Glauben Sie mir“, flüsterte er respektvoll, „das wollen Sie nicht sehen.“

„Was ist denn da drin?“
„Wussten Sie, dass Liebe bis zu 12 Zentimeter lang und sehr gefährlich werden kann und sich von Ihrem Puls ernährt? Das ist keine gute Wahl, nehmen Sie stattdessen dieses leere Käfig da drüben, da ist ihr Stolz drin.“

Opportunitätskosten

Nick hatte in seinem weitläufigen Leben immer die falschen Entscheidungen getroffen.
Immerhin konnte er behaupten, konsequent zu sein.

Ansonsten war er traurig und unglücklich, allerdings lebte er lange.
Wie es immer dazu kam, die falschen Entscheidungen zu treffen, wusste er auch nicht so richtig. Manchmal versuchte er auf sein Herz, manchmal auf den Kopf und manchmal auf die anderen zu hören und irgendwie nahm er dabei immer die falsche Variante. Aber dafür konnte er ja nichts, er hätte gerne richtig entschieden, aber eine Entscheidung, die sich zu seinen Gunsten richtig fällen liess, hatte sich ihm nie geboten.
Also hatte er sich damit abgefunden, die falschen Entscheidungen zu treffen. Seltsamerweise hatte niemand Mitleid mit ihm.
Vielleicht auch deshalb, weil er sehr reich und einflussreich, sehr betucht und beliebt wurde, weil er alles bekam, was er nie, aber auch das, was er schon immer haben wollte.
Er hatte zwar nie verstanden, was eigentlich falsch daran war, wenn seine Aktienkurse wieder einmal in die Höhe schossen. Es fühlte sich allenfalls etwas unverdient an, aber dafür konnte Nick ja nichts.

Unabdingbares Dazutun

Stefan Bieler war eigentlich ein ganz Anständiger.
Kam er in einen Streit, so war er selten daran beteiligt, viel mehr aus Versehen zur falschen Zeit am falschen Ort. Fand er jemanden, der traurig war, so nervte er ihn nicht und trieb ihn nicht noch mehr in seine Trauer, denn er sprach meistens gar nie mit jemandem, wenn es nicht unbedingt von Nöten war. Er sprach selten, drückte sich aber gewählt aus. Er war ein freundlicher Nachbar und ein dezenter Kollege, er war hilfsbereit bei der Arbeit und sehr ordentlich, was ihn trotz seines altmodischen Hutes immer wieder vor Langeweile in der Masse des Morgenverkehrs versinken liess. Herr Bieler war weder auffällig noch uninteressant, er war nicht attraktiv, aber schon gar nicht hässlich. Er war ganz okay, wohl. Nur eben nicht so spannend.
Trotzdem war es soweit gekommen, dass er sich vor vier Monaten einen Facebook-Account eingerichtet hatte. Einige seiner Kollegen hatten ihm das empfohlen und wenn er bei der Arbeit sah, wie sie statt ihrer E-Mails neuerdings die Facebookstatenliste studierten, dachte er sich, er wolle nicht aktiv dagegen rebellieren, so ideologisch war er gar nicht, und er könnte ja einmal einen unvoreigenommenen Blick hineinwerfen.

In den ersten Momenten ist unbeeindruckenderweise gar nichts passiert. Dann erst, später, fand er einige erste Arbeitskollegen, die ihn nicht nur als Freunde hinzufügten, sondern ihn auch gleich weiterempfahlen. Es waren möglicherweise nicht Stefan Bielers Qualitäten, die ihn so schnell vernetzten, als viel eher dass er für einmal zur richtigen Zeit am falschen Ort war und in einer Welle der Freunde-Freude, der exhibitionistischen Verkettung zwischen allen kleinen Gefängnissen der Welt, aus allen Poren seiner Erscheinung Kontakte geknüpft hatte.

Manchmal schrieb er etwas in seinen Status und wie er beim Lesen der Kommentare dazu plötzlich bemerkte, dass man ihn wahr nahm, war Herr Bieler kaum mehr zu bremsen. Er blühte auf und schrieb und empfahl Links, er kommentierte und löste Quizzes und schrieb Botschaften. Er begann sogar Veranstaltungen beizuwohnen, zu denen er früher nicht eingeladen worden wäre, weil er unter den potenziellen Gästen vergessen gegangen wäre, und falls doch, nur aus Mitleid oder Höflichkeit.

Jedenfalls haben in den ersten Monaten seine Depressionen aufgehört, denn sie mussten Platz für eine unbändige Eitelkeit machen, die angesichts der interaktiven Möglichkeiten den Eindruck machte, narzisstische Massstäbe neu und digitaler definieren und damit nicht mehr aufhören zu wollen. Er war für eine Weile, die ein neues Zeitalter in seinem Leben verkündete, sowohl viel beschäftigt, als auch glücklich und sogar einigermassen beliebt, vor allem, da er in den Facebook-Kommentaren zuweilen oft schlauere Dinge sagte, als sie ihm spontan im Gespräch eingefallen wären.

Nach zwei Monaten, als diese erste Sucht jedoch vorüber war und sich die überschäumende kindliche Erregung in ein lustloses Plätschern verwandelt hatte, begann er wieder Abstand von der Plattform zu nehmen. Was brauchten die Menschen schon zu wissen? Was waren das schon für Menschen, die bemerkten, dass es ihnen gefalle, dass Herr Bieler ihnen mitteilte, wie er heute zwei Stunden früher nach Hause gehen dürfe? Die Menschen, die herumstreiften, tagelang begutachteten, lobten und witzelten, waren die nicht genauso sehr auf dasselbige aus? Sie schufen sich eine langsamere Welt, eine Utopie, die in jene Richtung wuchs, in die sie selbst auch zu wachsen hofften. Sie wollten Publikum und wurden es. Sie wollten intelligente Kommentare und verfassten dumme und wollten doch, wollten doch, wollten doch nichts so sehr, als dass ein Stefan Bieler zugäbe, wie viel besser sie doch seien, und wie freundlich, natürlich freundlicher als er selbst. Und gäbe es eine Rangliste der Besten, so würden alle die anderen auf den obersten Platz schwören um am schnellsten hochzuklettern.

Herr Bieler roch unlängst die Konkurrenz, die Heuchelei im Internet, er spürte, dass ihm die Menschen weh tun wollten, wenngleich auf eine weitaus verstecktere und schonendere Art, als man dies im gleichen Masse mit einer Axt und viel Blut und einem Rufmord hätte tun können. Er fühlte sich ganz und gar nicht zu Hause, wie er vor wenigen Wochen noch behauptet hätte.
Nach einer Weile, besuchte er Facebook gar nicht mehr, es war ihm egal, wem was gefiel und welche Kreaturen welche Objekte favorisierten. Bei Zeiten murmelte er sogar böse Sachen über die Langweiler, die immer noch auf Facebook herumspielten während der Arbeit.

Alles änderte sich schlagartig, als eines Tages ein Arbeitskollege zu ihm herüberkam und ihm auf die Schulter klopfte.
Das sei aber lustig gewesen, er habe herzhaft gelacht.
Bieler wusste natürlich, dass er herzhaft gelacht hatte, man hatte es schliesslich durchs ganze Büro schallen gehört, im Weiteren hatte er keine Ahnung, wovon er sprach.

Höflich fragte Herr Bieler nach.
Das, was er auf Facebook geschrieben habe! Er habe es gleich kommentieren müssen, so treffend sei das gewesen.

Herr Bieler nickte freundlich und beobachtete, wie sich der Arbeitskollege wieder zu seinem Sessel begab und weiter durch Facebook klickte. Das war ihm zugegebenermassen beschleichend unheimlich, er hatte nichts bei Facebook geschrieben und er hatte es auch nicht vorgehabt. Es gab da nichts Aktuelles zu loben. Wahrscheinlich hatte er Stefan Bieler mit Stefan Gubler verwechselt, der auch irgendwo im Büro sein Unwesen trieb und den falschen angesprochen. Herr Bieler musste grinsen, weil das schon etwas peinlich war.

Am nächsten Tag kam ein andere Kollege von ihm, der sich über seine Schulter bog und sich flüsternd an ihn wandte.
Er habe gesehen, was in seinem Status stünde und es habe ihn sehr, um nicht zu sagen, extrem amüsiert, doch er müsse wissen, dass es viele Verräter unter den Kollegen gäben, die solche Beleidigungen sofort an den Chef verpetzen würden.

Herr Bieler stand der Mund offen, aber auf den hilfsbereiten Blick, mit dem ihn dieser Kumpel beschenkte, konnte er nicht anders, als mit einem verständnisvollen Nicken antworten.

Später kam der Chef und er war sehr wütend auf alle im Büro. Er liess Facebook sofort auf allen Computern sperren. Seine Stimme blieb ruhig und er gewinnend beherrscht, aber in der Art, wie er ihn nicht ansah, wusste Herr Bieler, dass er einen grossen Groll auf ihn hatte.

An diesem Mittag ass niemand mit ihm, sie alle tuschelten hinter seinem Rücken und klärten ihn nicht darüber auf, was passierte.

Herr Bieler nahm sich verantwortungsloserweise das Geld und die Zeit, während der kurzen Mittagspause ins Internetcafe zu gehen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Am Nachmittag stand er auf seinen Bürosessel und erklärte öffentlich:
Das, was ihr auf Facebook gelesen habt, die bissigen Kommentare und Beleidigungen, das war nicht ich. Ihr kennt mich, ich würde mir nie so etwas erlauben.

Aber eigentlich kannten sie ihn nicht und er war nie besonders dezent gewesen in seiner aktiven Zeit auf Facebook. Also versuchte er es anders.

Jemand muss mir meinen Account gestohlen haben! Ich weiss nicht, wer von euch das war, aber es ist unanständig und bösartig von ihm und er sollte damit aufhören.

Doch die Kollegen schüttelten nur die Köpfe und wandten sich ihrer Arbeit zu.

Es dauerte nicht lange, da wurde Herr Bieler gefeuert, was auch an seinem Status abzulesen war. Niemand traute sich, dazu einen Kommentar zu verfassen und Herr Bieler beobachtete traurig, wie das Inernet lebte, wie er lebte, ohne sein Dazutun, ohne Kontrolle und Macht. Er hätte natürlich alles löschen können, was auf seinem Facebookstatus stand, doch immer wenn er es versuchte, tauchte unverdriesslich derselbe Text an derselben Stelle wieder auf. Und er hätte den Account löschen können, aber es wäre vermutlich nichts geschehen.

Niedergeschlagen bezahlte er das Internetcafé zum zweiten Mal und verliess es.

Draussen stand Stefan Bieler.
Es sei schon dunkel, bemerkte dieser, und noch immer sei er wach.

Natürlich bin ich wach, sagte Herr Bieler wütend und verwirrt, doch wer sind sie?
Ich bin Stefan Bieler, sagte Stefan Bieler, und ich weiss, dass sie Stefan Bieler sind.
Ich sehe, dass sie Stefan Bieler sind, antwortete er weiterhin wütend, ich sehe ja, dass sie aussehen wie ich.
Und das macht mich schon zu Ihnen?, fragte der andere Herr Bieler, der ganz im Gegensatz zum Original sehr unbewegt schien.
Nein, nicht nur das. Ich weiss auch, dass Sie meinen Facebookaccount haben und dass Sie so denken wie ich, nur ehrlicher sind. Dass Sie beliebt und neuartig und hip aber ansonsten so sind, wie der alte Herr Bieler, der ich bin.
So ist es wohl, sagte der neue Herr Bieler.

Sie beide standen sehr lange am Strassenrand und sahen den Autos am vorbeiwrahen zu, während sie nachdenklich eine rauchten und freundlich dem anderen Feuer boten.
Ich glaube, sagte der alte Herr Bieler, ich gehe dann wieder. Und für das weitere Leben, so werde ich es so einrichten, dass ich in der Masse und der Trägheit und der Vielsamkeit und dem unvernetzten Leben so verschwinden werde, das ich nichts mehr wert bin.

Gut, sagte der neue Herr Bieler. Vielleicht werde er darüber bloggen.

Gesunde Augen

Hier war der Beginn seines neuen Lebens.

Er stand jetzt zum ersten Mal seit sieben Jahren auf freien Füssen. Vielleicht hatte er damals etwas hoch gepokert mit seinen Spielchen, vielleicht etwas sehr hoch, aber er fühlte sich nun ziemlich gerecht und gerechtfertigt, da er die sieben Jahre souverän ausgestanden hatte.
Er wusste, hier und jetzt würde ein anderes Zeitalter hereinbrechen, reingewaschen von der Vergangenheit.

Wie sollte man es am Besten beginnen?

Er beantwortete diese Frage im Supermarkt und kaufte eine Packung gefrorener Karotten, von der Kassiererin unter akrobatischer Mühsal eingescannt.
Irgendwo musste man ja anfangen.
Er könnte auch gleich eine Wohnung mieten, meinte er, einen Job finden, ein Bild malen, neue Freunde suchen, auf den Strich gehen, sich zuschütten, was zerschlagen.

Oder aber, so fand er sich plötzlich in seinen gesunden Gedanken wieder, er würde sich einfach diese Karotten nehmen. Die würden schon etwas bedeuten, so Karotten, das musste ein Zeichen sein, gefrorene gleich noch dazu. Das würde der Anfang seiner Sesshaftigkeit sein, der Anfang seines Bünzlitums, seiner Spiesser- und Arschkriechereien. Das würde der Grundstein seiner rot-schwarzen Designerküche und bei seinem ersten anständigen Date als delikate Beilage dabei sein. Es könnte in seiner Tiefkühltruhe liegen, in seiner ersten Vorratsreserve seines Lebens, er könnte planen, er könnte dann plötzlich eine Sicherheit haben, einen roten Faden, er könnte Ziele anstreben, die zu erreichen möglich waren und er würde sich in den Ferien in der Karibik darüber freuen, dass er wieder Karotten in diesem sanddurchwehten Strandrestaurant auf dem Teller fand, die ihn daran erinnerten, wie er dieses Leben begonnen hatte, wie es ihn zum Aufstreben und diesem miesen Bürojob verholfen hatten, den er eigentlich hasste, aber den er tat, weil es seine Frau wollte.

Es war grossartig, er würde das machen, ja, Karotten waren orange, vielleicht würde er auch nach Amsterdam ziehen, wenn es die bescheidene Rente erlauben würde und er würde sich dort wieder einen Schrebergarten aneignen, in dem er seine eigenen Karotten züchten würden.

Der Gedanke gefiel ihm ziemlich gut, und er konnte später an diesem Tag noch einige Liedchen davon singen, während er in der Gosse gerade versuchte, eine abgestandene Bierflasche ins Feuer zu giessen um das wärmende Feuer noch etwas aufzustacheln.

Häusliche Gewalt

Das Schlagzeug hatte er immer schon in der Küche stehen.

Fragt ihn nicht, wieso, das hatte er schon lange vergessen.

„Einen Grund wird es wohl schon haben, dass das da steht, würde es nicht da stehen, hätte es womöglich sogar einen Grund nicht dazustehen. Und solange es da steht, akzeptiere ich, dass es da steht, denn egal weshalb es da steht, es steht da und es wird schon richtig sein so. Wieso sollte ich alles zerrütten, wovon ich nichts verstehe, nur weil ich glaube, dass ich es tue?“, antwortete er für gewöhnlich seinen Gästen.
„Man hat Schlagzeuge ja auch aus irgendeinem Grund erfunden. Da konnte man noch nicht wissen, dass es nach einem Konzert auf der Bühne zertrümmert wird. Wenn das also in der Küche steht und ich das jetzt einfach mal rausnehme und dann das Parlamentsgebäude zusammenstürzt, das könnte ich nicht verantworten.“
Deshalb wurde er häufig als ängstlich beschrieben.
„Ich habe keine Angst. Angst und Respekt sind das Gleiche. Ich will da nur vorsichtig sein. Wenn ich etwas nicht verstehe – und ich gebe gerne zu, dass ich das nicht tue – dann gehe ich damit auch nicht leichtfertig um. Vielleicht ist das nur ein Schlagzeug, ja. Aber was ist das schon, „nur ein Schlagzeug“? Vielleicht ist das ja auch ein Zeichen, von Gott oder weiss der Teufel wem.“
Manchmal störte es ihn etwas beim Kochen, dann stolperte er über das Hihat und wenn es dumm kam, stiess er beim Öffnen des Backofens an die Bass Drum. Alles in allem konnte man sich aber damit arrangieren, auch wenn es teilweise etwas ausgeklügelte Taktik erforderte.

Es war eines etwas tristen Abends, es war vielleicht schon Frühling, so genau konnte das niemand am Wetter ablesen und kalendrarisch waren sowieso alle eine Pfeife, es war genau in einem solchen schon etwas dunkelnden Küchenzimmer als er mit einer Flasche Bier im Rahmen der Türe stand und das Schlagzeug betrachtete.
Das hatte er immer schon dastehen.
Er hörte seine Frau kreischen, wo er denn stäke, ob er denn immer noch nicht den Müll rausgebracht habe. Darauf nippte er jeweils an seiner Flasche und manchmal rief er zurück, dass er ja dabei sei, meistens aber schwieg er. Und während seine Frau in Rage geriet, zählte er im Stillen auf zehn, wie sie es im Beraterkurs gelernt hatten.

Eins, zwei.

Eins, zwei, drei, vier.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er seine Hände in der Höhe schwebend, aus ihnen zwei Schlagbesen ragend und wie er auf dem Stuhl sass, vor dem Schlagzeug und er spürte, wie die Trommeln vibrierten, als er zuschlug und sich in Ekstase hämmerte.

Buddy Rich, sagte er sich, Buddy Rich musste das in die Küche gestellt haben.

Reife des Alters

Es dauerte viele Jahre des Lebens und Gelebt-Werdens bis sie begriff.

Sie spürte genau, zwar nur leicht und versteckt, aber ganz klar und exakt, dass man ihr auf den Arsch sah. Für sowas hatte sie die Intuition.
Sie drehte sich um. Da war nichts, ausser derselben Höhle, aus der sie sich nun schon seit Stunden hinauszuwinden versuchte. Es war unmöglich, dass sie hier jemand sah. Allerdings haben ihr die Erlebnisse ihres Lebens genug deutlich gezeigt, dass es nichts gab, was unmöglich war.

Immer noch spürte sie Blicke, sie fühlte das unangenehme Gefühl von zwei Augen, zwei mächtigen geräuschlosen und lauernden Überwachungssystemen auf ihr.
Sie bemerkte die Blicke nun auf ihren Brüsten. Sie brauchte niemanden zu sehen, um zu wissen, dass man ihre Brüste beglotzte.

Sie drehte sich erfolglos wieder um und rannte weiter der Höhle entlang, wo sie sich über einen Abgrund hangeln musste.

Es war definitiv nicht einfach, Lara Croft zu sein.

Routine

Das war dem Herr Kohler klar, dass sich die Klasse heute einen Scherz mit ihm erlauben würde.

Dass sie allerdings gerade so frech nach der Rückgabe eines Aufsatzes fragen würden, den er nicht einmal schreiben liess, verwunderte ihn. Vor allem, so schien es ihm, waren sorgfältige Aprilscherze besser und liessen sich nicht so einfach durchschauen.

„Okay, okay“, sprach er zu seinen Schülern, nachdem er sie (und sich) beruhigt hatte, „das war zwar lustig, aber vielleicht könnten wir uns trotzdem wieder unserem Stoff zuwenden?“

Trotz seiner langen Lehrerzeit hatte Herr Kohler noch viel Geduld und er machte seinen Job gut, soweit er das beurteilen wollte. Ihm gefiel seine Arbeit nicht besonders, aber ein wenig reichte ihm, und er mochte seine Schüler, einige davon wenigstens.

Plötzlich streckte eine Hand in die Höhe.
„Ja, Kevin.“
„Haben Sie den Aufsatz dabei, den wir bei Ihnen geschrieben haben?“
Herr Kohler bekam eine Gänsehaut. Langsam schien ihm das unheimlich. Es kam oft vor, dass Schüler dasselbe noch einmal fragten, weil sie nicht zuhörten. Kevin aber war einer jener Schüler, die immer zuhörten und ganz abgesehen davon, war die Klasse viel zu ruhig, um abgelenkt zu sein.
„Mir schien es, Kevin, dass ich die Frage erst gerade eben gehört hätte. Nein, ich habe den Aufsatz nicht korrigiert, ausser vielleicht in jenem Stadium des Bewusstseins, in dem Sie ihn auch geschrieben haben könnten.“
Kevin sank wieder in seinen Sitz zurück und sagte nichts mehr, worauf kurz verwirrte Stille herrschte, in der alle den Schüler ansahen, bis wieder eine Hand in die Höhe schoss.
„Lydia.“
„Ich wollte fragen, ob Sie uns den Aufsatz schon zurückgeben könnten.“
Herr Kohler seufzte und setzte sich aufs Pult.
„Es tut mir leid, Ihnen die Wahrheit so schonungslos mitteilen zu müssen, aber der Scherz wird nicht lustiger – und es ist nicht lustig – wenn Sie nur ihren Satz wiederholen. Ich muss zwar gestehen, dieser hier ist besser, als ich gedacht habe, aber trotzdem nicht das Mass aller Aprilscherze.“
Sie waren alle still, fast verletzt. Er sollte nicht so gemein zu den Kindern sein, sie haben sich immerhin Mühe gegeben.

Es streckten gleich vier auf, alle fragten dasselbe.
Herr Kohler wurde zuweilen wütend und ungeduldig. Er fragte, ob er wieder nach Hause gehen sollte und als er das tat, meldete sich Lydia noch einmal, die wissen wollte, wann die Aufsätze kämen.
„Es gibt keine Aufsätze! Das wissen Sie alle, das hier ist nicht lustig, wenn auch gut.“
So geht das nicht, dachte er sich, er durfte sich nicht einfach geschlagen geben. Er musste Ruhe bewahren und ihnen den Sieg nicht gönnen, auch wenn das etwas Kaltherzigkeit erforderte.
Er antwortete noch einige Male äusserst geduldig und amüsiert auf die Spässe, bis er sich einen Schüler pickte und hoffte, ihn etwas anheizen zu können.
Auf seine Sticheleien hin, sagte dieser kein Wort.
„Interessant“, brummte Herr Kohler, „wie wäre es mit einem Experiment? Sehen Sie diese Hand hier? Wenn Sie mir die gleiche Frage stellen, wie Ihre Mitschüler, werde ich sie schlagen. Das könnte ein Aprilscherz sein wie Ihrer, oder aber keiner und Sie würden böse erwachen.“
Der Schüler sagte nichts, sondern schaute ihn nur verwirrt an.
„Ich mache mir keine Sorgen wegen einer Strafanzeige, beim ersten April drücken die immer ein Auge zu.“ Als Lehrer war Bluffen genauso schwierig, wie überall sonst.
„Also?“, fragte Herr Kohler.
Der Schüler hob seine Hand in die Höhe, obwohl er schon lange angesprochen war.
„Haben Sie die Aufsätze dabei, die wir vor zwei Wochen geschrieben haben?“
Da hatte es der Schüler zu weit getrieben und Kohler wollte gegensteuern, seine Doppelstunde sollte immer noch 70 Minuten dauern und er hielt es nicht mehr aus.

Während er dem Schüler eine Ohrfeige gab, bereut er die übereilte Tat sofort, doch lange blieb ihm dafür nicht Zeit.
Die Klasse sagte nichts, wie es zu erwarten war, aber beunruhigenderweise war es keine Stille, die auf einem Schock beruhte, sondern eine leere.
Niemand sagte etwas und Herr Kohler fragte sich, ob er träume. Er klopfte noch einmal, diesmal feinfühliger, an den Kopf des Jungen. Es erklang ein metallisches Geräusch.

Da bekam es Herr Kohler mit der Angst zu tun. Er stand auf und trat wieder vor die Klasse, sein Gesicht blutleer und verzerrt.
„Was ist das für eine makabere Art von Scherz? Das ist nicht lustig!“, sagte er.
Er ging zu einem Mädchen, klopfte ihm auch an den Schädel, es schepperte kurz.
Diesen Versuch führte er an einer ganzen Reihe fort, bis ihm plötzlich jemand sagte:

„Herr Kohler! Haben Sie unseren Aufsatz schon korrigiert?“

Da stürzte er aus dem Zimmer, und rannte in den Schulhausgang, der absolut leer war. Natürlich war er leer, es war auch noch mitten während der Stunde. Aber er hätte gerne irgendjemanden gehabt und auch wenn er beinahe durchs ganze Schulhaus rannte, lief er niemandem über den Weg.

Er stiess die Tür zum Lehrerzimmer auf, und setzte sich erst einmal. Zu seiner Erleichterung sassen da einige Kollegen auf den Stühlen.
„Hören Sie, was mir passiert ist!“, keuchte er, doch die anderen schüttelten den Kopf.
„Bei uns doch auch, bei uns allen auch.“
Sie starrten nur auf den Tisch, wo ihre Kaffeetassen standen. Da beschloss der verwirrte Herr Kohler, sich auch einen Kaffee einzugiessen, aber an der Stelle, wo sich die Kaffemaschine hätte befinden müssen, stand jetzt ein Toaster. Es klebte ein gelber Post-It-Zettel mit der Aufschrift „April, April“ drauf.
„Wer von euch war das?“, fragte Herr Kohler genervt zu der Lehrerrunde, doch sie antworteten nicht. Er setzte sich wütend, starrte die Tassen der anderen an und fragte sich, wieso die alle eine hatten.
Dann kam ein anderer Lehrer hineingestürmt, die Krawatte hing im schräg von der Schulter.
„Oh mein Gott, das ist der schlimmste Tag meines Lebens, meine Klasse hat sich einen Aprilscherz erlaubt!“
„Bei uns doch auch, bei uns allen auch“, sagte eine der Lehrerinnen und dann schwiegen sie alle, auch Herr Kohler, dem das Ganze nicht sehr geheur war.
Der Lehrer, der hineingestürmt war, sah sich entgeistert in der Runde um.
„So sagen Sie doch etwas! Sie machen mir Angst, meine Schüler sagten auch nichts.“
Herr Kohler sagte nichts, weil es niemand tat.
Vorsichtig, so dass niemand es sah, klopfte er der Lehrerin an den Kopf, die neben ihm sass. Es klang nach Metall.
Herr Kohler sprang hoch. Als er nach dem neuen Lehrer suchte, der gekommen war, fand er ihn am Tisch sitzen, still in Gedanken versunken, vor ihm eine Tasse Kaffee.

Ohne Umwege flüchtete Herr Kohler hinaus aus dem Lehrerzimmer zum Rektorat, wo der Rektor mit einer Tasse am Fenster stand und Tee trank.
„Das glaubst du mir nicht!“, rief er, doch der Rektor drehte sich ganz entspannt um.
Herr Kohler erkannte sein Gesicht erst nicht, da die Sonne zu hell hinter ihm hervorschien. Doch als er näher kam, konnte er es sehen.
Über dem Gesicht des Rektors klebte ein gelber Post-It-Zettel, auf den in krakeliger Schrift „April, April, Herr Kohler“ geschrieben stand.

Er rannte durch die Mensa nach draussen und hatte auch Jahre später noch Mühe zu begreifen, wieso es die Schulkommission eigentlich jedes Jahr wieder schaffte, ihn so in Angst und Schrecken zu versetzen.