Nasen & Menschen

von Cedric Weidmann

Mit zehn und dreizehn, als ich ein kleiner Junge war, hatte ich eine sonderbare Art zu denken. Oft führte mich der Weg von einem Gedanken zum nächsten.
Dieser Weg ist heute für mich versperrt, als hätte ich unüberwindbare Angst davor, plötzlich in eine Falle zu tappen, in ein tiefes Loch zu stürzen, das sich mit dem Alter im Pflasterstein gebildet haben könnte, oder von einem herabfallenden Ast getroffen zu werden.
Trotzdem kann ich den Weg auf Karten nachzeichnen oder auf einem Umweg durch die Bäume einen Blick auf ihn erhaschen und mir zeigt sich ein klarer werdendes Bild.

Es schien mir rückblickend lange, dass ich damals zu einfach dachte. Wenn es zum Beispiel zur praktischen Psychologie kam, dann beging ich grosse Fehler und Abkürzungen, wie ich später meinte.
Sah ich einen Mann, der jemand anderen grundlos beleidigte, anrempelte oder verletzte, und ich erkannte, ihm fragend nachsehend, in seinem Gesicht die Anzeichen einer entstellten Nase, so war ich dazu geneigt, die Bedingungen zu verdichten. Darauf beruhte mein unvergleichlich grosser Gerechtigkeitssinn. Ich pflegte zu denken:
„Nichts ist diesem Mann anzuhängen! Wenn ich eine Nase wie die seine hätte, was könnte mich davor halten, einen Hübscheren anzurempeln? Die Nase ist mit dem Moment ihres Zutagestreten im Gesicht und im Leben des Mannes verankert. Es gibt nichts, was man von der Nase losgelöst betrachten kann: Wenn er stöhnt, wenn er sich abends die Schuhe putzt, wenn er sich freut, an ein Fussballspiel zu gehen, wenn er verliebt ist und zu schüchtern, es ihr zu sagen, immer schwebt die Nase über ihm und weist ihm den Weg. Sie legt sich auf die Zunge, schleicht sich in die Dinge, die er sagt, seine Entschuldigungen, Beleidigungen, Erklärungen, Verleumdungen, seine Sprüche und Witze.
Manchmal sagt er Dinge, um sich über seine hässliche Nase hinweg zu täuschen, manchmal sagt er Dinge, um seine hässliche Nase zu übertünken, manchmal sagt er Dinge, um sich, auch wenn über Umwege und versteckt, über seine Nase zu beklagen, manchmal sagt er Dinge, um endlich etwas losgelöst von seiner Nase zu sagen, und manchmal sagt er Dinge, um die Hässlichkeit seiner Nase in Frage zu stellen. Am Ende jedoch sind alle Avancen an die Nase geknüpft und hätte er eine schöne Nase, so könnte man mit Eindeutigkeit sagen, dass die Hintergründe seine Handelns nicht mehr die gleichen wären und er, also, nicht mehr derselbe Mensch. Hätte er zum Beispiel die Nase eines Hübscheren, so wäre keine seiner Handlungen exakt gleich ausgefallen.
Es ist also die Nase, die den feinen Unterschied ausmacht. Den Unterschied zwischen dem Beleidigenden und dem Beleidigten, dem Anrempler und dem Angerempelten, dem Täter und dem Opfer, macht einzig und allein die Nase. Aber auch für die Unterschiede in ihrem Kleidungsstil, in ihrem Musikgeschmack, in ihrer politischen Einstellung und ihrem Durchhaltewille, in ihren bevorzugten Sexualpraktiken und in ihrer Art, in Langeweile das Telefonbuch aufzuschlagen, ist der Grad der Hässlichkeit ihrer Nase verantwortlich.“

Natürlich führte dieses Denken dazu, dass es keine wirklichen Schuldigen, keine Bösen und keine verantwortlichen Personen gab, andererseits untergrub es auch jede Vorstellung von tugendlicher Nettigkeit, Ehrlichkeit oder Freundlichkeit. Die Menschen waren vorherbestimmt und von ihren Einflüssen geleitet, der freie Wille war nur etwas, worüber man lachen oder husten konnte.

Die einfache Psychologie wurde natürlich durch die Umstände erschwert, dass es uneindeutige Konstellationen gab: Auch Menschen mit hübschen Nasen konnten böse sein oder Menschen, die böse waren, konnten neben ihrer hässlichen Nase auch krumme Zehen aufweisen. Das liess sich jedoch ebenfalls verwerten. Hübsche Nasen bedeuteten nicht zwangsläufig Neidlosigkeit, Fröhlichkeit und Güte, sowie das Gegenteilige auch nicht der Fall war. Und das Zusammenkommen mehrer Elemente – das war einfach das Leben, die Einflüsse des Lebens.
Man versteht deshalb, dass ich den Menschen, die mich verprügelt haben, nie böse war. Denn selbst wenn ihre Nasen glatt und zierlich waren oder imposant und wohlgeformt, dann konnten sie immer noch zu glatt und zierlich und zu imposant sein.

Heute ist der optimistische Antropologismus, wie man meine Betrachtung durchaus behusten könnte, in meiner Welt nicht aller Zweifel gefeit. Weshalb dürfte man das Böse und das Gute, wieso eigentlich den Willen des Menschen ausschliessen? Es wäre doch traurig, wenn wir alle vorherbestimmt wären und wenn schuldige Menschen nicht einmal das Privileg ihrer Schuld tragen dürften. Und ich habe mir gedacht: Man muss aufpassen! Menschen sind komplex und nicht einfach, man kann sie nicht verstehen, sie sind unergründlich.

Aber, seien wir ehrlich. Am Ende sind es wieder die Nasen.