Phänomenale Kastration

von Cedric Weidmann

Vor vier Tagen schrieb ich den Text Phänomenaler Rückzug.

Heute beschäftigt ein Fall die Zeitungen. Er dreht sich um einen Waffenliebhaber, der über mehrere Behördenmitglieder Dokumente niedergeschrieben hat, in denen sie gefoltert und getötet wurden. Ich zitiere den Tagesanzeiger von heute morgen:

Unbestritten war, dass der Mann in 153 Dokumenten minutiös aufgeführt hatte, wie er die 26 Personen foltern und töten wollte. «Da läuft einem der kalte Schauer über den Rücken», sagte selbst der Verteidiger. Er sprach von «furchterregenden, abstossenden Vorkehrungen» und einem «sadistischen Gedankengut, das schlimmer nicht sein kann». Doch das seien eben bloss «Gedankenspiele gewesen, mit denen er seine gewaltige Lebensenttäuschung und seinen Frust abreagiert hatte». Gewisse Dokumente seien über ein Jahr alt gewesen. Trotzdem habe der Mann «aus eigenem Antrieb» die Theorie nie in die Praxis umgesetzt oder umsetzen wollen.

Wurde je jemand dafür bestraft, dass er etwas Böses dachte?

Nie.

Er wurde bestraft dafür, dass er seine Gedanken aussprach oder niederschrieb – meistens sogar nur, wenn er sie ausführte. Aber der Kopf ist unser zu Hause, wo wir die makabersten und perversesten Sachen aufbewahren. Sie sind in jedem Verstand vorhanden. Wenn einer so dumm ist, sie aufzuschreiben, wird er dafür bestraft.
Warum?
Ich kann es euch sagen. Weil wir den Gedanken völlig verzerrt haben, ihn sterilisiert haben, sobald wir ihn aufgeschrieben oder ausgesprochen haben. Ich hätte zwar nie gedacht, dass ich das eines Tages machen müsste, aber ich zitiere Hermann Hesse: „Es wird gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht.“

Der einst perverse Gedanke – der den Reiz seiner Perversion entnommen hat– wird mit seiner Vergegenständlichung zu einem Gedanken eines Perversen, eines Objekts, das man beschuldigen, analysieren, verklagen, therapieren oder verwahren kann. Um die Perversion des Gedankens aufrecht erhalten zu können – was wir wollen, weil es seinen Reiz ausmacht – müssen wir ihm die Perversion zusprechen, die ihm von Rechtswegen zusteht. Wir müssen darauf zeigen oder auf den Autoren zeigen und sagen: „Der hier ist Verrückt! Nur ein Skrupelloser kann so etwas denken!“
Aber in Wahrheit ist das eine Stimulation des Perversionsgehalts des Gedankens.
Jetzt, warum braucht es das?
Die Antwort ist der Grund, weshalb ich meinen Post von vor vier Tagen erwähnte:
Es braucht diese Stimulation, weil ein niedergeschriebener Gedanke seine Perversion verliert. Er verliert seine Perversion durch seine Strukturierung, durch den entkräftenden Prozess, ihn in Worte zu packen, er verliert seine Erregungsfähigkeit, seinen Affektionsgrad, wenn er nicht gefühlt wird. Wenn wir von Schicksalsschlägen sprechen, erleben wir sie nicht mehr. Das hat einen therapeutischen Vorteil. Nicht aber für den Gedanken des Schicksalsschlags.
Wenn die Perversion eines perversen Gedankens verschwindet, was haben wir dann noch? Welchen Gehalt hat dann der Gedanke noch?
Nichts und keinen, deshalb müssen wir sie aufrecht erhalten. Und Menschen, die zeigen was sie denken, müssen eingesperrt werden.

Aber philosophisch lustig, dass man etwas aus eigenem Antrieb nicht in die Praxis umsetzen wollen kann. Schliesslich ist das Nichttun selten etwas, dem man einen Antrieb zuschreiben möchte.