Wer kennt das nicht?

von Cedric Weidmann

Wer kennt das nicht?
Irgendein rotznasiges, eigenwilliges, selbstverbrüchliches Mädchen, das aber eigentlich ziemlich scharf aussieht und interessant, oder ein einfältiger, kindischer, verlumpter Junge, der aber eigentlich ziemlich lustig ist und so ein süsses Lächeln hat. Wer kennt nicht so ein Mädchen, das aussieht wie Venus, mit der man gelacht und getrunken hat, diesen Jungen, dem man immer näher gekommen ist und versehentlich über die Hand gestreift hat.
Eine, mit der man gerne in die Ferien fahren würde, keine laute, eigentlich, aber sowas von nicht leise oder einen, mit dem gerne aufwachen würde an einem Wintertag, ein kräftiger, nicht eigentlich schrobiger, aber sowas von nicht langweilig.
Eine, mit der du dein Einkommen teilst, wenn sie mit dir das Bett und manchmal ihr Mittagessen teilt, einer, der weiss was du brauchst, dich ernst nimmt und nie Angst hat.
Ja, eine, die eine aus sich selbst gestülpte Selbstbemitleidung hat, einer, der sich nachts immer kratzt und krächzt, wenn er Hunger hat. Wer kennt nicht so eine Frau, die dich nimmt wie du bist, dir gibt, was du brauchst, von dir nimmt, was sie will. Die du erwischst, wenn sie mit deinem besten Freund – eigentlich ein schrobiger, kindischer, verlumpter Junge, aber sowas von nicht langweilig – im Bett ein unaussprechliches Schrullen feiert, sowas von nicht leise? Wer kennt nicht so einen Mann, dem man vertrauen kann, der keine Angst hat, keine Angst jemanden zu verlieren oder umzubringen, der nicht faul wird, weil er es schon ist?
Einer, der nicht immer dem Geld nachrennt, weil er noch nie welches hatte, der hinter dem Rücken Witze macht, die noch nicht einmal lustig sind.
Wer kennt nicht so eine Frau, die einem tief ins Fleisch geschnitten, so einen Mann, der einem ins Gesicht gepisst hat?
So eine Frau, der man den Rücken zudrehen musste, um ihr gegenüber nicht ausfällig zu werden, oder so ein Mann, dessen Wohnung man verlassen musste, weil man von ihm ausgesogen und hereingelegt wurde.
So eine Frau, bei der man noch in ärgerlicher Zufriedenheit ewig resümmiert, wie man sie verlassen hat und dass es gut so war, einen Mann, dessen Verschwinden aus dem Leben eigentlich eine Wohltat war.
Eigentlich war sie so ein rotznasiges, eigenwilliges, selbstverbrüchliches Mädchen oder er war eigentlich ein kindischer, zerlumpter, einfältiger Junge. Endlich ist man sie los, diese Schlampe, oder man ist ihn los, dieses Arschloch, und kann sich auf sich selbst konzentrieren, dieses selbstverbrüchliche, rotznasige Mädchen, oder auf sich selbst, diesen einfältigen, zerlumpten Jungen.
Und auf die Zukunft warten!