Warum ein Bote schlechter Nachricht schlecht ist

von Cedric Weidmann

Vielleicht ist das so eine Erzählung, die von ungefähr kommt (was ja die Frage nur umso spannender machte, was das heissen soll: von ungefähr): In früherer Zeit war ein Bote die Verkörperung der Nachricht, die er überbrachte.
Kommt zum Beispiel Cundrîe la surziere an die Tafelrunde, um Parzival zu verwünschen, geht der Schrecken ihrer Botschaft ihrer Äusserung voraus: Die Botin selbst ist hässlich, grimmig, hat Eberzähne, ein entstelltes Gesicht und ist überall behaart, kurz: nicht gerade Helena. Sie schaut böse und ihr Auftauchen verbreitet ungute Stimmung.
Ein anderes Mal wird ein Knappe von Artus mit grossen Geschenken dafür belohnt, dass er eine gute Nachricht überbrachte. Seine Tugendhaftigkeit (auch seine Schönheit, „ohne Bart“, nicht zu vergessen) werden vom Erzähler immer wieder hervorgehoben und sein Auftauchen erfreut alle, denn es hat Gutes zu verheissen.
Und vergessen wir unseren Marathon nicht!

Anfangs hat mich diese unnatürliche Korrelation vor den Kopf gestossen. Es war die Spitze eines Eisbergs von Unwillen, der die ältere Literatur als Nebenerscheinung hervorruft: Gut, dass die Besten die Schönsten sind, ok, das kann ich akzeptieren. Aber die Boten einer guten Nachricht? Was haben die mit der Nachricht zu tun? Die brauchen deshalb nicht selbst grossartig zu sein. Ein Bote ist auch nur ein Mensch. Er könnte durchaus auch stümpferhaft sein und eine gute oder bedauernd eine schlechte Nachricht überbringen.

Heute aber frage ich mich: Wie sollte es denn sonst sein? Wie kommt uns der Gedanke, dass ein Bote durch Aussehen und Auftreten nicht mit der Nachricht übereinstimmen kann, die er überbringt?

Es ist völlig unmöglich, es sich anders vorzustellen, sich etwa vorzustellen, die schlechte Botschaft einem glücklichen Gesicht zu entlocken – wie schlecht kann diese Botschaft denn sein? Wie glücklich denn das Gesicht? Ist es nicht im Leben immer so: Wer uns Böses verkündet, und sei es bloss das Zusammenziehen nasser Wolken oder die gehobene Stimme des Lehrers, wenn er Hausaufgaben aufbürdet, wird selbst schon zum Bösen.
Ist nicht die drohende Stimme des Lehrers die böse, die uns, aufhorchend in Schrecken, bereits in das Elend versetzt, das erst droht? Sind es nicht die Vorboten des Unwetters, die Wolken, die wir hassen, wenn sie sich zusammenziehen?

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Botschaft nicht im Boten steckt, welche abartende Aufklärung hat die Differenzierung bloss soweit getrieben?

Ich würde wetten: Wer in seinen Erfahrungen scheppt, wird die Erfahrung machen, dass Unheilvolles von Unheilvollem überbracht wurde.

Und wäre es anders gewesen – wäre die schlimme Botschaft einem lachenden Gesicht entlockt worden: Wie viel schlimmer wäre diese Botschaft gerade deswegen!