Die Lawine

von Cedric Weidmann

Der alte Mann mit der externen Festplatte sass auf einer kümmerlichen Bank am Ende des Dorfes. Er liess sich nicht von seiner Tätigkeit abbringen, die darin bestand, den ganzen Tag auf der Bank zu sitzen und die Geräusche der Wölfe nachzuahmen.

Ein Junge setzte sich zu ihm und fasste ihn an den runzligen Händen.
»Weshalb halten Sie eine Festplatte unter dem Arm?«
»Sie gehört mir«, antwortete die tiefe, zerfurchte Stimme.
»Was ist denn drauf?«
»Pornographie. Musik. Raubkopien.«
Der Junge machte grosse Augen. »Und das ist Ihre Sammlung?«, rief er aus.
Der alte Mann nickte.
Von diesem Moment an umgab den Mann ein Schleier des Geheimnisses. Die Jungen des Dorfs quengelten oft, er solle doch die Festplatte preisgeben, aber er weigerte sich und trug sie ständig unter seinem Arm. Irgendwann verloren die Knaben wieder das Interesse an ihm und er wurde, mehr als zuvor, für eine zwielichtige und schmuddelige Gestalt gehalten, vor denen die Eltern ihre Kinder warnten.
Viele Tage später kam wieder der Junge vorbei und setzte sich zu ihm.
»Sie wissen doch, dass die Zukunft auch keine Daten schützt? Niemand interessiert sich für sie, deshalb brauchen Sie sie auch nicht immer mit sich herumzutragen.«
Der alte Mann lachte nur wie einer, der sein Lachen als Museumsobjekt zur Schau stellt.

Die Tage wurden wieder kürzer und die Nächte gelber. Und obwohl der Winter kam, sass der Mann jeden Tag, die externe Festplatte mit dem eingerollten Kabel an sich gedrückt, auf der kümmerlichen Bank und heulte jämmerlich.
Dann kam die Lawine und traf das Dorf mit voller Wucht. Feuerwehrleute evakuierten die Bevölkerung. Die Bank des alten Mannes war von der Lawine völlig überwälzt worden und meterdicker Schnee lag über der Leiche. In den ersten tauenden Tagen fand man den Mann, doch von seiner Festplatte keine Spur. Es gibt einen nahen Dorfbach mit grossem Einzugsgebiet, der vom Schmelzwasser angeschwollen war. Man mutmasst, die Festplatte sei nun in den Strom des Bergwassers eingespiesen.