Die Einkaufstüten

von Cedric Weidmann

Es gibt zwei Arten von Strassen. Es gibt Strassen, die liegen so da und über die fällt es her. Grosse Wolkenkratzer fallen über sie her oder Berge, an deren Fuss sie sich entlangschlängeln, beugen sich drohend darüber. Es scheint immer alles über ihnen zusammenzubrechen, über diese Strassen, wie über die sandüberwehten Wege einer arabischen Grossstadt, die von den Motorrädern überrollt werden, die unschuldigen Pflasterwege eines kroatischen Küstenorts, der von einer Wachtruppe einer Pinienallee gesäumt wird. Diese Strassen sind unterwürfig und schnell zu überschreiten.
Es gibt aber auch andere Strassen. Sie breiten sich vor einem aus. Sie scheinen sich in eine unendliche Fläche auszudehnen, die nicht zu bewältigen ist. Mit ihrer Breite hat das vorerst nichts zu tun. Es kann ein schlanker Pfad sein, mit Kieselsteinchen bestreut, der sich unter einem weiten Himmel und der mittaglichen Sonne schlagartig in eine Art Plateau verwandelt. Seine Ausmasse werden riesig, und nichts, kein Baum, keine Wand, kann sein Fassungsvermögen beschränken. Diese Strassen zu betreten, bedeutet zugleich das Risiko einzugehen, alles ausserhalb für immer zu verlassen. Und auf ihnen zu gehen ist wie ein Pakt mit dem Wandern zu schliessen, den zu brechen nicht selbstständig mehr möglich ist.

Es war eine jener zweiten Strassen, auf der ich damals entlanggehen musste, nachdem ich der alten Frau angeboten hatte, ihre Einkaufstüten zu tragen. Die beiden Papiertaschen kerbten in meine Handflächen. Die Sonne brannte auf die Schultern. Die alte Frau trippelte vor mir her und ich konnte den Anblick kaum mehr ertragen. Dieser Blazer, er war ein Hohn auf die Hitze des Mittags. Dieser Blazer tanzte vor meinem Gesicht. Sein kariertes Muster schwirrte durcheinander. Ein Beige mit grünen und roten Tönen durchmischt, eine farbliche Gestaltung wie ein Schlag ins Gesicht: Altmodisch war nicht das richtige Wort, absichtsvoll und mörderisch schwankten die gemusterten Schulterpolster vor meinem Gesicht. Darunter ein Rock gleichen Musters. Der Stoff dick wie die Breite eines Fingers und so schwer, dass er in den kurzen, ermunternden Brisen sich nicht einmal bauschte. Dann dieses Beige, dieses Muster aus grünen Rhomben, kariert und im Wechsel mit roten Punkten. Sadistisch war vielleicht das richtige Wort. Die kurzen Arme der alten Frau schwenkten vor mir hin und her, als wäre sie schnell unterwegs. In Wahrheit trippelte sie so langsam, dass es mir manchmal vorkam, wir bewegten uns nicht von der Stelle. Meine Beine schmerzten. Ich konnte die Strecke nicht mehr ermessen, die ich mit der Frau gegangen war, und ich fürchtete, den Rückweg zur Bushaltestelle nicht mehr zu finden, an der ich der alten Frau meine Hilfe angeboten hatte. Andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, wie sie es allein nach Hause geschafft hätte. Der Asphalt bruzelte in der Hitze und die Einkaufstüten waren unermesslich schwer. Ich verstand immer weniger, wie die Frau ein solches Gewicht hatte tragen können. Dazu kam der lange Nachhauseweg. Und während ich hinter ihr herschlurfte, die Tüten manchmal fast auf dem Boden schleppend, wuchs und wuchs in mir eine Befremdung, die sich auf diesen kleinen Rücken konzentrierte, der vor mir auf und abwippte. Und auf dem wippenden Kopf zwischen den wippenden Schulterpolstern lag ein wippender Hut. Auch er passte zum Rest der Kleidung.
»Wo wohnen Sie eigentlich?«, fragte ich, wie ich glaubte, zum wiederholten Mal.
»Gleich dahinten.« Sie hob den Arm, aber ich konnte nicht sehen, wohin sie zeigte. Ihr Hut verdeckte ihren Arm. Ich konnte erahnen, dass sie geradeaus gezeigt hatte. Ich stellte die Papiertüte auf den Boden und wischte mir den Schweiss von der Stirn. Ich sah der ewigen Strasse nach, die sich vor uns ausbreitete und auseinanderfädelte. Ich konnte nicht erkennen, wohin sie führte, denn wir schienen am Horizont angelangt zu sein. Der Horizont, wo die Strasse den Himmel küsste. Ich hielt den Atem an. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
»Sehen Sie das?«, fragte ich die alte Frau.
»Was?« Sie hielt nicht inne und trippelte mit ihren winzigen Schrittchen weiter voraus. Auch sah sie mich nicht an. Hatte sie mich überhaupt je angesehen?
»Die Strasse führt ja direkt in den Himmel.«
»Ja, sehen Sie sich doch einmal um.«
Erschrocken über diese Worte drehte ich mich um. Beinahe wäre ich gefallen. Hinter mir sah ich die Erde, die Äcker und Felder des grellen Mittags, ich sah die Strasse, die direkt aus dem Boden ragte, auf der ich gegangen war, und die steil in den Himmel zu führen schien. Ich sah dies und spürte jetzt zum ersten Mal die Schwerkraft, die mich nicht nach unten, sondern nach hinten zog, wo auch die Erde lag. Die Strasse stieg geradewegs in den Himmel. Die kleinen Wäldchen schienen bereits über einen Kilometer weiter unten. Und dann fiel mein Blick in die Papiertüten. Ich erschauderte. In jeder lag eine Atombombe.
»Da mache ich nicht mit. Ich kehre zurück«, rief ich der alten Frau nach, die schon einige Meter von mir entfernt war und weiter den Wolken entgegenstrebte.
»Jetzt kommen Sie«, antwortete sie herablassend. »Sie können einer alten Frau schon einmal beim Tragen helfen. Das sollte ja gar nicht so etwas Aussergewöhnliches sein.«
»Aber… Sie sind zu schwer.« Die riesigen Sprengköpfe brachten die Tüte fast zum Bersten.
»Das sind nur Attrappen«, sagte sie. »Sie machen es sich ja nur selbst schwer.«
Ich hob die Papiertüten auf und — tatsächlich — sie waren federleicht. Schnell holte ich zur alten Frau wieder auf und warf ungläubige Blicke über die Schulter zur Erde zurück.
»Wieso haben Sie solche Attrappen dabei?«, fragte ich atemlos.
Sie antwortete nicht. Ich sah nur ihren nichtssagenden Rücken mit dem hässlichen Muster. »He, hören Sie mich nicht!« Ich stupste sie an. Sie fiel zu Boden als wäre sie aus Pappkarton. Plötzlich rief jemand böse aus. Ich sah mich um. Auf der anderen Seite der Strasse standen zwei Männer, einer zeigte auf mich. Ich sah wieder über die Schulter und die Erde war verschwunden. Es war nur ein gewöhnlicher Horizont in der Ferne zu erkennen. Als ich nach oben sah, starrte ich wieder in den Himmel. Jetzt erst merkte ich, dass ich auf felsigem Boden stand. Das hässliche Carré-Muster der alten Frau lag im Dreck vor mir. Die Männer stürzten auf mich zu. Einer von ihnen redete erregt auf den anderen ein.
»Ich habe gesehen, wie er die Frau zu Boden geworfen hat. Und ich würde wetten, dass es auch ihre Einkäufe sind, die darin liegen.«
Tatsächlich, es waren gar keine Atombomben, es waren nur Ananas, die wie Atombomben ausgesehen hatten. Die Männer versuchten mich festzuhalten, bis die Polizei kam. Doch ich lächelte, als ich begriff, dass die Pappfigur, die sie jetzt wild festhielten, gar nicht ich war, es war nur ein Räuber, der wie ich ausgesehen hatte.