Zentripetalkraft

von Cedric Weidmann

Das Pony kann hier nicht weiter. Es ist an der Leine angebunden und kreist um das Scharnier am Boden, an dem sie festgebunden ist, tatenlos herum. Es scheint fast, als könne es hier nicht weg. Es schaut die Vorbeiziehenden an, klappt die Ohren in Richtung der sanften Musik, die aus der Ferne zu ihm dringt. Sein Blick glimmt, als möchte es nachschauen, worum es sich handelt. Nur ungerne bleibt es stehen, wo es ist. Doch weshalb zerrt es nicht am Seil? Manchmal spannt sich die Leine ein wenig, die von den Zügeln am Mund bis zum Scharnier reicht. Sie spannt sich nie ganz durch, sondern nur bis zu scheinbarem, ersten Druck. Sofort lässt das Pony ab, dreht den Kopf wieder gegen die Mitte und das Seil lockert sich. Genaugenommen ist es wohl gar nicht angebunden, denn es zerrt nicht am Seil, die Leine singt nicht, während das Pony mit aller Kraft daran reisst. Natürlich musste es lange Anpassung davon abhalten, wie ein wildes Tier dagegen zu rebellieren, es ist ohnehin zwecklos. Obwohl das Pony den Druck selbst bestimmen kann und er nicht heftiger als ein lässiges Lehnen gegen die Wand sein muss, scheint es sich vor ihm zu fürchten. Weil es dieses Durchstrecken konsequent vermeidet, büsst das Pony einen grossen Teil seines Umkreisradius ein. Es scheint so noch stärker gefangen, weil die Schritte um das Scharnier am Boden noch enger gesetzt sind. Der Platz, der ihm für sein Kreisen bleibt, ist dadurch stark zusammengeschrumpft. Das Tier wird durch die Furcht vor dem Spüren der Leine scheinbar stärker gefangen, enger gefesselt.
Aber schau, es ist ja gar nicht gefangen. Die Leine bindet das Pony nicht zurück. Sie verhindert nie gewaltsam sein Fortkommen. Die Leine verhindert nichts, ist auch gar keine. Sie ist ja auch ein wenig Pony.