Eine Kritik

von Cedric Weidmann

Man bittet dich darum, dass du dich an die Wand stellst. Und man bittet dich darum, dass du dich umdrehst. Du weisst aber nicht, ob es eine Bitte ist. Dann stellst du dich an die Wand, willst noch einen Blick auf das erhaschen, von dem man dich entfernen will, doch du weisst nicht, wohin du schauen sollst. Dann drehst du dich halt doch um und du siehst die Risse in der Mauer. Du hoffst auf weitere Erklärungen, aber etwas sagt dir, dass du damit nicht zu rechnen hast. Du erwartest Anweisungen. Du wartest darauf, dass man dir etwas befiehlt. Du wartest darauf, dass etwas Schlimmes passiert, denn du bist nun einmal in etwas hineingeraten. Du spürst, dass du in etwas hineingeraten bist. Du glaubst, das habe etwas zu bedeuten. Du ziehst den Rücken ein, weil du denkst, dass dir jetzt jemand auf den Rücken schlägt — gegen jedes Recht, aber das passiert und es ist nicht unwahrscheinlich in deiner Lage. Du starrst diesen Riss vor dir in der weissen Wand an. Es ist kein hässlicher Riss. Er zieht sich so sachte dahin über die Farbe und unter die Farbe und ein Dunkel schimmert darunter hervor und du drückst die Augen zusammen, um besser hineinsehen zu können, vielleicht erhoffst du einen Wicht zu entdecken, oder ausströmenden Dampf, und du drückst die Augen zusammen, weil du die Schläge erwartest, oder harte Finger, die deinen Rücken mit klopfenden Händen abtasten. Doch es passiert nichts, du hörst keine Anweisungen. Aber sie setzen dir jetzt dein Vergehen auseinander. Du weisst aber nicht, ob es ein Auseinandersetzen ist. Sie sagen, was du falsch gemacht hast, und es stimmt. Du hast es falsch gemacht. Du hast dort gesündigt und dich da vergangen, doch du musst lächeln. Es sind die Sachen, die man immer macht, die jeder einmal macht, da und dort zu sündigen. Man macht es ja ohne eigenes Dazutun. Und es wird eigentlich nicht schlimmer dadurch, dass es dir jemand vorsagt, während du an der Wand stehst, was ja erstaunlich genug ist.
Doch dann stellt man dir ein Glas auf den Kopf. Du weisst aber nicht, ob es ein Glas ist. Es ist schwer und taumelt keck auf deiner Schädeldecke, es ist schwer, wahrscheinlich gefüllt. Ist es mit Säure gefüllt? Wohl kaum, aber es könnte sein. Es ist nicht unwahrscheinlich in deiner Lage. Sie haben dir also ein volles Glas auf den Kopf gesetzt und du versuchst, es zu balancieren. Das ist schwer, weil du dich nicht von der Wand wegdrehen darfst, und du konzentrierst dich auf den hübschen Riss in der Wand, du versenkst dich in diese Wand, aber nur eigentlich um wegzusehen. Du bist dir nicht einmal sicher, was du mit dem Glas da oben machen sollst. Sollst du es tragen? Bis wann? Wäre es schlimm, wenn etwas ausgeschüttet würde? Musst du es tragen, während du an der Wand stehst, oder sind das zwei ganz verschiedene Dinge? Musst du es tragen wegen deiner Vergehen?
Du denkst nach und fragst: “Wieso muss ich dieses Glas tragen?” Aber es ist niemand mehr da ausser dir. Die Frage schallt von der Wand zurück zu deinem Ohr. Das Schrecklichste ist passiert: Man hat es dir überlassen. Du hast dir das Glas auf den Kopf gesetzt, verursacht durch irgendeine nebensächliche, vergangene Handlung. Und du stehst da und du bekommst plötzlich Angst. Nicht, weil du doch glaubst, es sei Säure im Glas oder die Ankläger kämen zurück (du weisst, sie kommen nicht mehr). Sondern weil alles dir überlassen ist und alles ist sehr viel. Du kannst das Glas jetzt wegnehmen, aber was machst du dann damit? Es zu Boden stellen? Es ausleeren? Es austrinken? Es hinschmeissen? Es könnte auch alles ganz anders sein, es könnte das Letzte sein, an das du dich halten kannst. Wut, Ärger und Scham überkommen dich. Andere haben dir die Aufgabe auferlegt und jetzt ist es deine eigene: Das Elend ist deine eigene Schuld geworden. Sie tun, als wäre es deine Sache, wenn du sündigst, dann stellen sie dir das Glas auf den Kopf — und danach soll wieder alles deine Sache sein? Und das ist dann so ein langer Moment, der noch einmal verlängert ist, in der Sekunde das Nachdenkens. Und du denkst, ist das jetzt der Moment, das Glas herunterzunehmen?, aber die eigentlich Frage ist: Weshalb hast du dich zur Wand gedreht? Oder vielleicht ist die eigentliche Frage eine ganz andere. Du weisst es nicht, du weisst nicht einmal, ob es eine Frage gibt. Du hast dieses Glas zu tragen. Das ist ein langer Moment, in dem alles Platz hat und in dem du dich diesen Platz ausfüllen spürst und zugleich merkst, dass du nicht dazu gemacht bist.
Das ist dann eine Kritik.