Phänomenaler Rückzug

von Cedric Weidmann

Wann hat es jemals etwas gebracht, einen Gedanken niederzuschreiben?
Wann ist je etwas klarer oder deutlicherer geworden, indem man es aufschrieb?
Wann ist dir ein Stein vom Herz gefallen, wann wurde je eine Last erleichtert, wann ein Problem lösbar, wann eine Idee fassbar durch das Fassen in Worte?
Wann wurde etwas verständlicher, einfacher, simpler?
Wann brachte ein Niederschreiben von Gedanken auf lange Zeit hin einen Erfolg für den Gedanken selbst?
Wann hat man sich je selbst besser verstanden oder die Welt dadurch besser verstanden?

Nie.

Noch nie ist etwas klar und deutlich zu Tage getreten, nie etwas einleuchtend dargestellt worden, nie etwas Neues gebracht worden, dadurch, dass man es aufschrieb.
Und weshalb wollen uns immer alle das Gegenteil weiss machen, Lehrer, Schriftsteller, Schreiner, LKW-Fahrer und Verbrecher? Weshalb glauben sie alle daran, obwohl es offensichtlich nicht stimmt?
Ja, man braucht sich nur umzuschauen. Je mehr wir Dinge aufschreiben, desto strukturierter werden sie. Wenn wir etwas aufschreiben, dann ist es in Worte gefasst. Es lässt sich vervielfältigen, immer wieder ansehen, korrigieren, lesen, überfliegen, durchdenken und überdenken.
Wenn wir aber am Ende davon einmal innehalten wollen und uns zurückbesinnen auf den Moment, in dem der Gedanke noch nicht in Worten existierte, dann sehen wir was passiert ist. Ganz sicher ist dadurch nichts klarer geworden. Nein, man hat die Dinge verschleiert.
Wenn dir heute jemand eine Idee zeigt: er bastelt dir ein Werkzeug oder eine Maschine und führt sie dir vor, dann versteht du sie viel besser als wenn du dir morgen das Handbuch zu Gemüte führst. Wenn ein Pfarrer an der Beerdigung deiner Eltern zu dir kommt und dich an der Hand fasst, was hättest du davon, wenn er dir in der Bibel die Vorzüge Gottes und seiner Kinder belegen würde?
Wenn dir dein Junge sagt, dass er nur Augen für dich hat? Was soll daran deutlicher sein, als wenn er nur Augen für dich hat?

Wenn einer dir die Welt erklärt, dann geschieht eine Verschleierung. Manche Philosophen würden sagen, dann erklärt er dir eine zweite Welt. Die erklärte Welt. Aber das ist nicht alles. Wenn dem so wäre, dann wäre die erste Welt ja immer noch da und noch gleich deutlich zu verstehen wie immer. Dann gäbe es eine zweite und eine erste Welt. Man könnte die Erklärung beachten oder sie nicht beachten.
Aber dem ist nicht so.

Wenn dir einer die Welt erklärt, dann zerstört er sie.
Er dupliziert die Welt nicht. Er formt nicht zu einer echten eine erklärte Welt hinzu.
Er zerreisst die eine, die echte, Welt in zwei Teile. In die erklärte Welt und die zu erklärende Welt.
Beide sind nicht deutlich und für sich verständlich. Die erklärende Welt enthält Informationen zu der zu erklärenden Welt, aber ist dadurch etwas einfacher geworden?
Nein. Wir haben aus einem, zwei Probleme gemacht. Gratuliere. Wir müssen jetzt auch noch die beiden Welten in Beziehung setzen.

Das lernen wir schon in der Schule. Interpretieren.
Setzen Sie den Schiller mit der heutigen Welt in Beziehung. Interpretieren Sie.
Welche Relevanz hat Shakespear heute noch? Interpretieren Sie.
Warum hat Cicero Chiasmen benutzt? Interpretieren Sie.
So klingen die Selbstzerstörungsmechanismen der Schule. Wann ist ein Gedicht schöner geworden durch seinen Interpretation? Wann ist ein Gedanke besser geworden dadurch, dass man ihn in Beziehung zur heutigen Welt setzt? Wann ist eine Entscheidung einfacher geworden, wenn man Pros und Kontras ihrer Folgen in eine säuberliche Tabelle eingetragen hat?
Weil Shakespear die typischen Themen widerspiegelte – Tod, Liebe, Verrat, Vertrauen, List, Elend und Familie – ist er auch heute noch relevant?
Bedeutet das nicht, dass wir nur unsere Welt dem Shakespear gegenüberstellen? Dass wir sie schminken, gut anziehen, sie zurecht machen um mit der Relevanz Shakespears übereinzustimmen?
Wir interpretieren nicht nur Shakespear, wenn wir Shakespear interpretieren.

Und so ist es mit jedem Gedanken auf der Welt.
Ihn zu lesen macht ihn schwerer zu fassen.
Das Fiese daran ist, dass wir glauben, Gedanken in Worten verpackt seien leichter zu verstehen. Was für eine Lüge!
Die Struktur, die ein Liebesbrief oder Descartes‘ Meditationen aufweist, wie verhängnisvoll sie doch ist: Wir glauben, so und so sei es zu verstehen, wir glauben, man kann es so und so interpretieren. Aber wir bemerken nicht, dass wir uns in immer tiefere Abgründe hinunterstürzen.
Denn irgendwann verstehen wir, dass wir selbst die einzelnen Wörter, die der Struktur unterliegen, nicht verstehen, ja, dass sie keinen Sinn ergeben, wenn sie nicht genau definiert sind. Und jede niedergeschriebene Definition dieser Worte führt in tieferes Verderben, denn niedergeschriebene Definitionen sind nicht leichter zu verstehen als einfach erfasste Begriffe.
Ja, wir wissen in jedem genauem Sinn nicht einmal, was das ist, eine Struktur, denn Struktur ist auch nur ein Begriff.

Und deshalb sollten Gedanken gar nie niedergeschrieben werden.
Aber da kann man wohl nichts machen.