Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 2.

von Cedric Weidmann

Der schreibende Gorilla

Der Wärter stiess die grosse Glastür auf.
»Sie müssen es sich mit eigenen Augen ansehen.«
Sie streiften durch das Affengebäude. Lemuren unterbrachen ihr Lausen, sprangen ans Gitter, rüttelten und keiften, als Rico vorbeiging.
»So etwas hat es noch nie gegeben. Wir können es uns nicht erklären… und wissen offengestanden auch nicht, wo wir anfangen sollten. Die Polizei nimmt solche Fälle nicht ernst genug. Wir haben uns gefragt, ob wir Wissenschafter fragen sollten. Aber die nehmen die Sache wieder zu ernst — und würden uns wohl kaum weiterhelfen.«
»Worum gehts denn?«
Der Wärter blieb stehen. Sie waren vor dem Gorilla-Käfig gelandet, auf einer Seite balgten sich Kapuziner. Panzerglas trennte die beiden von den dösenden, manchmal müde torkelnden Gorillas. »Was ist jetzt?«, fragte der Detektiv mit brummender Stimme. »Bringen Sie mich nicht irgendwo hin?« Er dachte dabei an einen Tatort, verschmiertes Blut auf klinisch-weissen Kacheln, brutale Gerätschaften unverständlicher Natur, die aus veterinären Einrichtungen stammten und die in kalten Körpern steckten, oder wenigstens ein auseinandergerissenes Höschen auf einem einsamen Bürotisch. Der Wärter wies schweigend auf den Gorillakäfig.
Erst hätte man gedacht, es handle sich um Dreck, der an der Scheibe klebte. Doch bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass die Spur von Kot und Stroh, die an der Wand prangte, Schriftzeichen darstellte. Es war dort ein Wort geschrieben, spiegelverkehrt, verzerrt und auf Hüfthöhe, als hätte es ein Affe hingekrakelt. Der Wärter nickte, als er seinen Blick erriet.
»Es muss ein Silberrücken gewesen sein, es gibt gar keine andere Möglichkeit.«
Doch was ihn fast noch mehr erschreckte als die Tatsache eines schreibenden Gorillas, war das Wort, das sich am aufwändigen Schriftzug ablesen liess. Rico zog die Jacke etwas enger zu, weil ihm plötzlich kalt wurde, und rückte den Krempenhut tiefer in die Stirn. An der Scheibe stand in grossen, schmutzigen Lettern ein Ausdruck, den er unweigerlich vor sich hinmurmelte: »Leibesertüchtigung.«
Wieder blickte er den Wärter an. Dieser zuckte ratlos mit den Achseln.