Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 3.

von Cedric Weidmann

Der schreibende Gorilla

Rico sass in seinem Büro, die Fenster verdunkelt. Auf seinem Bildschirm flimmerten die Videoaufnahmen aus dem Käfig. Der betreffende Gorilla hiess Omga und war ein äusserst träges, äussert dümmlich aussehendes Männchen, das obendrein noch dick war. Von Zeit zu Zeit erhob es sich schwerfällig, schwang sich zur Scheibe und fuhr mit gesammeltem Kot den Schriftzug aufs Neue ab. Es begann bei L und erreichte nach mehrmaligem Hinklatschen, Krakeln, Schmieren das G. Dann setzte es sich wieder hin und knabberte an einer Karotte.

Rico wurde besessen. Um 9 Uhr erschien er in seinem Büro und begann sich die DVDs anzusehen, ass Sandwichs und trank Wasser. Erst um 2:00 Uhr nachts ging er nach Hause, kaufte unterwegs ein Bier, trank es zügig aus und legte sich schlafen. Still, die vernarbten Finger auf die Lippen gelegt, starrte er am Tag auf den Bildschirm. Der träge Omga übte eine magische Faszination auf ihn aus. Sein Blick, der manchmal, als wüsste er, was es war, zur Überwachungskamera glitt, war trüb und verklärt zugleich, sein Mund schien immer zu kauen, selbst wenn er schlief, und mit den Mitinsassen trat er so selten wie möglich in Kontakt. In unregelmässigen Abständen, ohne ersichtlichen Auslöser, schlurfte er wieder zur Scheibe und schrieb »Leibesertüchtigung« an die Wand. Rico kam nicht umhin, in ihm etwas Menschliches zu sehen, und obwohl er wusste, dass er dem gleichen, lächerlichen Fehler erlag, dem auch die Kinder mit den speckigen Fingern, die die Tiere analysierten, unterlagen, konnte er nichts dagegen unternehmen. Er sah diese Tiere als Menschen und musste sich mit Omga vergleichen. Um ganz ehrlich zu sein: Omga war ihm viel zu ähnlich. Er musterte den riesigen Gorilla, seine kräftige Statur mit den schlaff herabhängenden Armen und hatte dabei das Gefühl einem grossen Geheimnis ansichtig zu werden. Es war, als läge in diesem Geschöpf etwas Tieferes, worum er sich nie gekümmert hatte, das ihn aber auf einmal erschlug und unausweichlich in die tiefsten Fragen stürzte. Was ging dem Tier nur durch den Kopf, wenn es ein Wort wie Leibesertüchtigung schrieb? Was lag in diesen wässrigen, winzigen, mit Verschwinden drohenden Knopfaugen, die die Kamera fixierten? Was war überhaupt der signifikante Unterschied zwischen seinem Leben als Detektiv, der untertags im Auto lauerte oder im Bürosessel hing, und dem Dasein eines schlummernden Silberrückengorillas?

Wie der Zoo überprüft hatte, handelte es sich nicht um bestimmte Duftnoten oder ähnliche Präparate, mit deren Hilfe der Gorilla dazu gebracht worden war, die Buchstaben zu zeichnen. Auch die Stiernackigkeit, mit der er immer wieder von vorne begann, widersprach dieser Vermutung. Eine Dressur war ganz ausgeschlossen. Rico sah auf den Bändern, wie selten er mit Menschen in Kontakt trat und wie wenig Achtung er vor ihnen hatte. Ausserdem machte keiner der Tierpfleger einen Versuch, ihn abzurichten. Der Affe war seit zehn Jahren im Besitz des Zoos und hatte nie Auffälligkeiten gezeigt. Jede weitere Möglichkeit, der Sache auf den Grund zu gehen, blieb auf das Videomaterial beschränkt.

Rico hatte eine ganze Woche ungestört im verdunkelten Büro verbracht, als zum ersten Mal das Telefon klingelte. Seine letzte Auftraggeberin, Frau Schiefenthal, hatte sich in einem Zeitungsbericht öffentlich blossgestellt, erklärte ihm seine Sekretärin. Sie hatte mit verrückten Anschuldigungen um sich geworfen und sie mit peinlichen Anekdoten aus ihrem Leben angereichert. Alles in allem eine Art rufliche Selbstkasteiung, beschämend in jedem Nebensatz, die man nur mit Verrücktheit erklären konnte. Zwei Tage später, Rico sass immer versunkener vor Omgas Videos, doppelte die Sekretärin nach. Man hatte Frau Schiefenthal umgebracht.

Rico legte auf und starrte auf den pausierten Bildschirm, wo sich Omga gerade fläzte. Es hätte ihm leid tun sollen für die Verrückte und er hätte sich schämen sollen, dass er ihren Auftrag einfach so im Stich gelassen hatte, wenngleich er sicher nicht schuld an ihrem Tod hatte. Aber alles, was er empfand, war Bestürzung darüber, dass ihm schon wieder ein Honorar ausbleiben würde. Denn Tote hatten noch selten Detektive bezahlt.